Bd. I · Heft 03 · Mai 2026
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Recht · Mai 2026

Hyperflexion und Rollkur: Wie die FEI seit 2006 den Pferd-Tierschutz neu denkt

Seit der Lausanne-Konferenz 2010 ist die „aggressive Hyperflexion" in der FEI offiziell verboten. Eine Rekonstruktion der Debatte von Anky van Grunsven bis zu den heutigen „Friends-not-Food"-Diskursen.

Es gibt wenige Reitsport-Debatten, die so anhaltend und so emotional geführt werden wie jene um die Rollkur, in der Fachliteratur auch „Hyperflexion of the neck” oder „Low, Deep and Round” (LDR) genannt. Die Methode, bei der das Pferd in der Dressur-Ausbildung phasenweise mit stark gebeugtem Hals und tief unter die Senkrechte gezogenem Genick gearbeitet wird, ist seit den 1990er Jahren Gegenstand veterinärmedizinischer Forschung, tierschutzrechtlicher Bewertung und sportpolitischer Diskussion. Die FEI hat die „aggressive Hyperflexion” 2010 offiziell verboten — und doch geht die Debatte um die Grenzen erlaubter Hilfen, um die Ausbildungsmethoden und um den Begriff der Pferd-Wohlfahrt heute weiter, mehr als 15 Jahre nach der Lausanne-Konferenz.

Anky van Grunsven, Sjef Janssen und die Klassik der Welt-Spitze

Den Begriff „Rollkur” verbindet die internationale Dressur-Welt zuallererst mit Anky van Grunsven und ihrem damaligen Lebenspartner und Trainer Sjef Janssen. Van Grunsven gewann zwischen 1992 und 2008 dreimal die Einzel-Goldmedaille im olympischen Dressur-Grand-Prix-Spécial: in Sydney 2000 mit Bonfire, in Athen 2004 mit Salinero und in Peking 2008 wiederum mit Salinero. Diese drei aufeinanderfolgenden Olympia-Klassiken sind bis heute in der Dressur-Geschichte einzigartig. Sjef Janssen, niederländischer Dressur-Reiter und Nationaltrainer, entwickelte in den 1990er Jahren eine Trainings-Methode, die ein wiederholtes, phasenweises Tief-Stellen des Pferdes als „gymnastizierende” Maßnahme einsetzte. Die Methode wurde in der niederländischen Dressur-Schule unter dem Begriff „Long, Deep and Round” geführt, in der internationalen Diskussion etablierte sich später der deutsche Begriff „Rollkur”.

In der Trainings-Theorie der Janssen-Schule erfülle die LDR-Phase mehrere Funktionen: die Lockerung der Hals- und Rückenmuskulatur, die Verbesserung der Anlehnung an das Gebiss und die Vorbereitung auf die für den Grand-Prix erforderlichen Lektionen wie Piaffe, Passage und Pirouetten. Janssen betonte stets, dass die Methode nur phasenweise und nie als Dauerhaltung eingesetzt werde, ein Argument, das in der späteren FEI-Bewertung aufgegriffen wurde. Kritiker:innen aus der klassischen Dressur-Schule — allen voran Reiner Klimke (1936–1999), Kyra Kyrklund und der spanische Reitmeister Álvaro Domecq — wandten dagegen ein, die Tief-Stellung verletze die klassischen Ausbildungsprinzipien der durchlässigen Anlehnung und ersetze die feine Hilfengebung durch eine mechanische Form der Pferd-Kontrolle.

Die Eskalation 2005 bis 2010

Die öffentliche Eskalation der Debatte begann 2005, als das Magazin „St. GEORG” Bilder eines internationalen Dressur-Trainings veröffentlichte, die einen Reiter beim Tief-Stellen eines Pferdes über einen längeren Zeitraum zeigten. Die Aufnahmen lösten eine Welle von Leserbriefen und Online-Diskussionen aus, die bis dahin in der Reitsport-Fachpresse selten so heftig geführt worden seien. 2006 erschien die erste größere wissenschaftliche Untersuchung zum Thema. Eine Forschungsgruppe um die Veterinärin Heleski an der Michigan State University legte in mehreren Publikationen Daten vor, die auf erhöhte Stress-Marker bei tief gestellten Pferden hindeuteten. Parallel publizierte die Arbeitsgruppe um Uta von Borstel am Institut für Tierwissenschaften der Georg-August-Universität Göttingen zwischen 2008 und 2012 mehrere Studien zur Verhaltensbeobachtung von Pferden in unterschiedlichen Kopf-Hals-Haltungen.

Die FEI reagierte 2008 mit einem ersten internen Statement, in dem die LDR-Methode nicht grundsätzlich verurteilt, aber die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen festgestellt wurde. 2009 wurde die „Veterinary Commission” der FEI mit einer umfassenden Bewertung beauftragt. Am 9. Februar 2010 schließlich kam es in Lausanne zur „FEI Round Table Conference on the Use of Hyperflexion in Modern Equestrian Sport”, an der Vertreter:innen der nationalen Verbände, der Veterinärmedizin, der Trainer-Verbände und der Tierschutz-Organisationen teilnahmen. Das Abschluss-Communiqué der Konferenz formulierte den bis heute geltenden Grundsatz: „Flexion of the neck obtained through aggressive force is not acceptable. The technique known as Low, Deep and Round (LDR), which is achieved through non-aggressive flexion, can be used as a schooling tool by experienced and competent riders, but should not be used for prolonged periods of time.”

Die Differenzierung zwischen „aggressive hyperflexion” — verboten — und „non-aggressive LDR” — unter Bedingungen erlaubt — wurde anschließend in das FEI Stewards Manual aufgenommen. Konkret bedeutet dies, dass auf internationalen Turnieren die Steward-Beamten in den Vorbereitungs-Vierecken beobachten, ob Pferde über einen längeren Zeitraum tief gestellt werden, und gegebenenfalls eingreifen können. Die Definition des „längeren Zeitraums” ist allerdings nicht numerisch festgelegt, was in der praktischen Anwendung regelmäßig zu Streit-Situationen führe.

Die wissenschaftliche Welle der 2010er Jahre

Nach 2010 wurde die Hyperflexions-Forschung intensiviert. Zentrale Studien stammen aus den Veterinär-Fakultäten Utrecht, Wien, Hannover und Göttingen. Die Arbeitsgruppe um René van Weeren an der Faculty of Veterinary Medicine in Utrecht publizierte zwischen 2011 und 2016 mehrere Untersuchungen zur Biomechanik der tiefen Hals-Haltung. Die Ergebnisse seien differenziert: Einerseits zeige die Tief-Stellung gegenüber der klassischen Anlehnungs-Form keine signifikant höheren Stress-Hormon-Werte bei kurzfristiger Anwendung, andererseits seien Veränderungen der Atemwege-Funktion und der Sicht-Feld-Wahrnehmung dokumentiert. Eine 2014 in der Zeitschrift „Equine Veterinary Journal” erschienene Übersichtsarbeit der Gruppe von Hilary Clayton fasste den Forschungsstand dahingehend zusammen, dass die phasenweise LDR-Methode bei korrekter Anwendung kein veterinärmedizinisches Risiko darstelle, dass aber die Grenzen zwischen „korrekter Anwendung” und „aggressiver Hyperflexion” in der praktischen Beobachtung schwer zu ziehen seien.

Parallel entwickelte sich eine ethik-philosophische Diskussion. Die australische Forscherin Andrew McLean, Mitgründerin des „International Society for Equitation Science” (ISES), formulierte 2012 einen Bewertungs-Rahmen, der die Frage der Pferd-Wohlfahrt nicht nur an objektiv messbaren Parametern festmachte, sondern auch an Verhaltens-Indikatoren wie Maul-Aktivität, Schweif-Bewegung und Augen-Ausdruck. Diese Verhaltens-orientierte Bewertung sei in den darauf folgenden Jahren auch in die Steward-Ausbildung der FEI eingeflossen.

DOKR, FN und die deutsche Position

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) und das Deutsche Olympia-Komitee für Reiterei (DOKR) vertraten in der Hyperflexions-Debatte traditionell eine zurückhaltende Position. Die FN-Richtlinien für Reiten und Fahren, deren Band 2 zur Dressur-Ausbildung in der Auflage von 2012 überarbeitet wurde, betonen die klassischen Ausbildungs-Prinzipien der Skala der Ausbildung: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung, Versammlung. Eine ausdrückliche Hyperflexions-Empfehlung enthalte die Richtlinie nicht; vielmehr werde die Bedeutung der gleichmäßigen Anlehnung an einer gestreckten oder leicht gestellten Halslinie betont. Damit positioniert sich die deutsche Reit-Lehre tendenziell gegen die niederländische LDR-Schule, ohne diese explizit zu verurteilen.

Das DOKR hat in mehreren Stellungnahmen seit 2014 die FEI-Linie der differenzierten Bewertung mitgetragen, gleichzeitig aber die Notwendigkeit einer verschärften Stewarding-Praxis betont. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London, 2016 in Rio, 2020/21 in Tokio und 2024 in Paris habe die deutsche Mannschaft jeweils versichert, in den Vorbereitungs-Vierecken keine LDR-Phasen einzusetzen, was in den Bild-Auswertungen der Fachmedien überwiegend bestätigt worden sei.

Die „Pferd 4.0”- und „Friends-not-Food”-Diskurse

Seit etwa 2020 verschiebt sich die Debatte. Während die Rollkur-Frage im engeren Sinn in den 2010er Jahren durch das FEI-Statement und die wissenschaftliche Aufarbeitung weitgehend regulatorisch eingehegt wurde, entstanden im Umfeld der „Pferd 4.0”-Diskussion neue Fragen, die das Verhältnis zwischen Mensch und Pferd insgesamt betreffen. Der Begriff „Pferd 4.0” wurde 2019 von der FN-Tagung in Warendorf eingeführt und beschreibt eine Pferdehaltung und -ausbildung, die digitale Hilfsmittel — Sensorik, Bewegungs-Analyse, Herzraten-Variabilitäts-Messung — mit einer wissenschaftlich fundierten Verhaltens-Beobachtung verbindet. Gleichzeitig habe sich eine breitere gesellschaftliche „Friends-not-Food”-Welle entwickelt, in der die Frage der Pferd-Schlachtung an Bedeutung gewinne.

Konkret geht es um die Praxis, dass Sport- und Freizeit-Pferde am Lebensende über den Schlacht-Weg entsorgt werden, sofern sie nicht aus dem Equiden-Pass durch entsprechende Eintragung von der Schlachtung ausgenommen worden seien. Die EU-Durchführungsverordnung 2015/262 vom 17. Februar 2015 regelt den Equiden-Pass und sieht eine verbindliche Erklärung zur Schlachttauglichkeit vor. In der DACH-Region werde geschätzt, dass weniger als 20 Prozent der Sport- und Freizeit-Pferde tatsächlich am Lebensende einer Schlachtung zugeführt werden, der Rest werde euthanasiert. Diese Praxis wird von Tierschutz-Verbänden zunehmend hinterfragt — nicht weil die Euthanasie problematisch sei, sondern weil die Frage des „würdigen Lebensendes” eine umfassendere ethische Bewertung des Pferdehaltungs-Konzepts insgesamt erfordere.

Verbunden ist die Diskussion mit der Frage, ob der Spitzen-Sport mit Pferden in seiner heutigen Form gesellschaftlich noch tragfähig sei. Die FEI hat 2022 eine „Equine Ethics and Wellbeing Commission” eingesetzt, die im Juni 2023 ihren Abschluss-Bericht vorlegte und mehr als 40 Empfehlungen formulierte. Zentrale Forderungen: eine verschärfte Stewarding-Praxis im Vorbereitungs-Viereck, eine Reform der Trainings-Methoden, eine systematische Erfassung der Pferd-Wohlfahrt in den Verbandsstatistiken und eine stärkere Einbindung von Tierschutz-Expertise in die FEI-Gremien.

Wo steht die Debatte 2026?

Die FEI hat im April 2026 eine Aktualisierung des Stewards Manual veröffentlicht, in dem die Hyperflexions-Bestimmungen erstmals mit einer numerischen Begrenzung versehen wurden: Eine LDR-Phase soll demnach nicht länger als zehn Minuten am Stück und nicht länger als insgesamt 30 Minuten im Verlauf einer Trainings-Einheit dauern. Die Werte beruhen auf den Empfehlungen der Equine Ethics Commission und sind in der Fachpresse uneinheitlich aufgenommen worden. Befürworter:innen begrüßen die Konkretisierung als Fortschritt der Rechts-Klarheit, Kritiker:innen monieren, dass die Werte willkürlich gesetzt seien und der wissenschaftlichen Grundlage entbehrten.

Damit bleibt die Rollkur-Debatte auch 20 Jahre nach ihrem Beginn ein lebendiger Diskurs, der mehr ist als eine technische Frage der Ausbildungs-Methodik. Sie sei, so formuliert es die Veterinärin Uta von Borstel in einem aktuellen Interview, eine Stellvertreter-Debatte für die größere Frage, wie der Reitsport in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre seinen gesellschaftlichen Platz behaupte — als sportliche Tradition, als Wirtschaftsfaktor und vor allem als ethisch begründbare Form des Umgangs mit dem Pferd.


Ressort: Recht