Bd. I · Heft 03 · Mai 2026
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Reiterei · Mai 2026

Dressur von E bis Grand Prix: Wie die LPO-Klassen die DACH-Reiterei strukturieren

Die Leistungs-Prüfungs-Ordnung gliedert die deutsche Dressur in fünf Klassen plus die FEI-Grand-Prix-Welle. Eine systematische Lese-Hilfe von der Einsteiger:innen-Klasse bis zur Welt-Spitze.

Wer in Deutschland an einem Dressur-Turnier teilnehmen möchte, begegnet einer Klassen-Struktur, die seit mehreren Jahrzehnten die Reiterei prägt und doch in der Außen-Wahrnehmung oft als undurchsichtig erlebt werde. Die Leistungs-Prüfungs-Ordnung (LPO) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) gliedert die Dressur in fünf Schwierigkeits-Klassen — E, A, L, M und S — und schließt nach oben mit den FEI-Klassen Prix St. Georges, Intermédiaire I und II sowie dem Grand Prix an die internationale Welt-Klassik an. Eine systematische Lese-Hilfe für die Klassen-Logik, ihre Geschichte und ihre Bedeutung für die DACH-Reiterei.

Die LPO als Regelwerk

Die LPO wird vom Bundesverband der Deutschen Reiterlichen Vereinigung in Warendorf herausgegeben und regelt die Durchführung sämtlicher Turnier-Prüfungen in der deutschen Reiterei — Dressur, Springen, Vielseitigkeit, Fahrsport, Voltigieren, Reining und Distanzreiten. Die aktuelle Auflage 2024 ist die zehnte überarbeitete Version seit der ersten Fassung der 1950er Jahre. Die Aufgaben-Hefte, in denen die einzelnen Lektions-Abfolgen der Prüfungen beschrieben sind, werden alle vier Jahre überarbeitet, zuletzt 2023 für den Aufgaben-Zyklus 2024–2027.

Charakteristisch für die deutsche Klassen-Logik ist die strenge Verbindung zwischen den Klassen-Anforderungen und der „Skala der Ausbildung”. Diese pyramidenförmig aufgebaute Klassik aus Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung bildet das pädagogische Fundament der deutschen Dressur-Schule, wie sie in der FN-Richtlinie für Reiten und Fahren, Band 2 (Ausgabe 2012, aktualisiert 2021), kodifiziert ist. Jede Klassen-Stufe baut auf den davorliegenden auf und addiert eine weitere Anforderung; eine Lektion der M-Klasse setzt das sichere Beherrschen der L-Lektionen voraus, und die S-Klasse fügt die hohen Versammlungs-Anforderungen der Lektionen Piaffe, Passage und Pirouette hinzu.

Klasse E: Der Einstieg

Die Klasse E ist die niedrigste Wettkampf-Klasse der LPO und richtet sich an Anfänger:innen-Reiter:innen sowie an junge Pferde am Beginn ihrer Turnier-Karriere. Die E-Aufgaben werden auf einem Dressur-Viereck von 20 mal 40 Metern geritten — anders als die höheren Klassen, die auf einem 20-mal-60-Meter-Viereck stattfinden. Die Lektionen umfassen die drei Grund-Gangarten Schritt, Trab und Galopp in ihren Arbeits-Formen, einfache Hufschlag-Figuren wie die ganze Bahn, die Bahn-Diagonale, den großen Zirkel von 20 Meter Durchmesser sowie das Übergangs-Geschehen zwischen den Gangarten.

Bewertet wird in einer Wertnoten-Skala von 0 (nicht ausgeführt) bis 10 (ausgezeichnet), wobei für jede Lektion eine eigene Note vergeben wird. Die zusammenfassenden „Sammelnoten” für Gangarten, Anlehnung und Sitz/Einwirkung des Reiters oder der Reiterin ergänzen die Einzel-Noten. Die Gesamt-Wertnote wird auf zwei Dezimal-Stellen ausgerechnet und in Prozent angegeben. Eine E-Aufgabe gilt als „mit Erfolg” geritten, wenn mindestens 5,0 erreicht werden — was rechnerisch 50 Prozent entspricht. Diese Schwelle ist in den höheren Klassen die Grundvoraussetzung für die Klassen-Berechtigung.

Klasse A: Die Drei-Takt-Welle

Die Klasse A erweitert das E-Programm um anspruchsvollere Lektionen, die das saubere Drei-Takt-Galoppieren, die fließenden Übergänge zwischen den Gangarten und die ersten Versammlungs-Ansätze einüben. Charakteristisch für die A-Klasse ist die Einführung der Zirkel-Verkleinerung im Galopp, der Achter-Bahn-Figur, der zweiten Diagonalen mit Tempo-Wechsel und der ersten Hand-Wechsel im Mittel-Schritt. Die Aufgaben unterscheiden zwischen „A**” (mit zwei Sternen, niedrigere A-Stufe) und „A***” (mit drei Sternen, höhere A-Stufe), wobei letztere die Vorbereitung auf die L-Klasse darstellt.

In der Reiter:innen-Statistik der FN sind die A-Klassen-Prüfungen die mit Abstand am stärksten besetzten Wettkämpfe in der deutschen Dressur. 2024 wurden nach FN-Angaben rund 35.000 A-Dressur-Starts auf deutschen Turnieren registriert, gefolgt von etwa 28.000 L-Starts, 18.000 M-Starts und 8.500 S-Starts. Diese Pyramide spiegelt sowohl die Klassen-Aufstiegs-Quote der Reiter:innen-Welt als auch die Tatsache, dass die A-Klasse in vielen Bundesländern als „Volks-Klasse” der Wochenend-Turniere gelte.

Klasse L: Die Mittel-Tritt-Welle

Die L-Klasse — formell „Leichte Klasse” — markiert den Übergang in die mittlere Reit-Klassik. Hier werden erstmals die Mittel-Tritte und Mittel-Galopps verlangt, also eine deutlich erweiterte Trab- beziehungsweise Galopp-Phase aus der versammelten Arbeitsform heraus. Hinzu kommen das einfache Galopp-Wechsel über mehrere Schritte im Schritt-Übergang, das gerade Rückwärts-Richten über mehrere Tritte und die ersten Seitengänge in einfacher Form, etwa das Schenkel-Weichen im Trab.

Die L-Klasse ist die erste Klasse, in der die Versammlung als eigenständige Bewertungs-Kategorie auftaucht. Die Skala der Ausbildung wird hier sichtbar erweitert: Während E und A primär die Grundlagen Takt, Losgelassenheit und Anlehnung trainieren, kommt in L die Anforderung des Schwungs und der ersten Versammlungs-Ansätze hinzu. Pferde, die in der L-Klasse sicher gehen, gelten in der deutschen Ausbildungs-Tradition als „durchgeritten” und reit-fertig im engeren Sinne.

Klasse M: Schenkel-Weichen, Schulter-Herein und die Seiten-Welle

Die M-Klasse — „Mittlere Klasse” — fügt die anspruchsvollen Seitengänge der klassischen Reit-Lehre hinzu. Schenkel-Weichen wird hier von der einfachen L-Form in die diagonale Anwendung überführt; das „Schulter-Herein” wird auf vier Hufschlägen gefordert, die Travers (Kruppe-Herein) und Renvers (Kruppe-Heraus) auf einer Linie der ganzen Bahn. Die fliegenden Galopp-Wechsel von Hand zu Hand werden in der M-Klasse zum ersten Mal verlangt, zunächst in einfacher Form auf der Diagonale, in der Aufstiegs-Klasse M* mit drei Wechseln, in M** mit fünf Wechseln.

Die M-Klasse gilt in der deutschen Ausbildungs-Tradition als die Klassen-Stufe, in der sich die ernsthafte Sport-Karriere des Pferdes entscheide. Reiter:innen, die mit ihrem Pferd die M-Klasse sicher beherrschen, haben damit den Beweis erbracht, dass das Pferd in den klassischen Lektionen der versammelten Trab- und Galopp-Arbeit reit-fertig sei. Statistisch erreichen nach FN-Schätzungen etwa 15 Prozent der in der A-Klasse startenden Pferde im Verlauf ihres Sport-Lebens die M-Klasse, und nur etwa 5 Prozent erreichen die S-Klasse.

Klasse S: Piaffe, Passage und die Pirouetten-Welle

Die S-Klasse — „Schwere Klasse” — ist die höchste nationale Klassen-Stufe und schließt unmittelbar an die FEI-Klassen an. Die Anforderungen umfassen die volle Versammlung der Skala der Ausbildung mit Piaffe (Trab-Bewegung auf der Stelle), Passage (versammelter, schwebender Trab) und Pirouetten (versammelter Galopp-Kreis um die innere Hinter-Hand). Die fliegenden Galopp-Wechsel werden in S-Aufgaben in Serien von zehn bis 15 Wechseln verlangt, abwechselnd auf jedem zweiten, dritten oder vierten Galopp-Sprung.

Die S-Klasse ist intern in mehrere Stufen unterteilt: S* (eine Stern-Stufe, entspricht etwa dem FEI-Prix-St.-Georges-Niveau), S** und S*** (entsprechend Intermédiaire I beziehungsweise Intermédiaire II) sowie die nationale Grand-Prix-Klassik in S****. Damit bildet die S-Klasse die direkte Brücke zur internationalen Welt-Klassik.

Grand Prix: Die FEI-Welt-Klassik

Über den deutschen S-Klassen schließt die internationale FEI-Klassik an. Die FEI (Fédération Équestre Internationale, gegründet 1921 in Lausanne) regelt vier Dressur-Klassen-Stufen: Prix St. Georges, Intermédiaire I, Intermédiaire II und Grand Prix mit der zugehörigen Grand-Prix-Spécial und der Grand-Prix-Kür mit Musik. Der Grand Prix ist die Klassik, die bei den Olympischen Spielen, den Welt-Reiter-Spielen, den Europa-Meisterschaften und dem Weltcup-Finale entscheidet.

Die Grand-Prix-Aufgabe umfasst nach der aktuellen FEI-Vorgabe rund 33 bewertete Lektionen, die in einer durchgängigen Choreographie auf dem 20-mal-60-Meter-Viereck geritten werden. Charakteristische Lektionen sind die Piaffe-Sequenzen (mindestens drei Piaffe-Tritte am Stand und Piaffe-Passage-Übergänge), die Passage über die Diagonale, die Pirouetten im Galopp links und rechts, die fliegenden Wechsel in den Sprüngen 1, 2, 3 und 4 sowie die Mittel- und Stark-Trab-Phasen. Die Bewertung erfolgt durch fünf Richter:innen, die auf den Positionen C (gegenüber dem Eingang), E und B (an den Längs-Seiten) sowie M und H (in den Ecken) platziert sind und ihre Wertungen unabhängig vergeben. Die fünf Wertungen werden gemittelt; das Mittel wird auf drei Dezimal-Stellen in Prozent angegeben.

Die Welt-Spitze der Dressur erreicht bei der Grand-Prix-Aufgabe regelmäßig Werte über 80 Prozent, in der Grand-Prix-Kür mit Musik teils über 85 Prozent. Die höchste je vergebene Wertung in einer Grand-Prix-Kür liegt nach FEI-Statistik bei 94,3 Prozent, erzielt von Charlotte Dujardin (Großbritannien) mit Valegro 2014.

Die deutsche Welt-Klassik in der Dressur

Deutschland ist in der internationalen Dressur traditionell die führende Nation. Diese Klassik ist über mehrere Generationen gewachsen. Hans Günter Winkler (1926–2018), zwar primär im Springsport bekannt, verkörperte als siebenfacher Olympia-Sieger den Aufstieg der deutschen Reit-Sport-Welt. Reiner Klimke (1936–1999) gewann zwischen 1964 und 1988 sechs olympische Goldmedaillen in der Dressur und prägte mit seinem Buch „Ausbildung des jungen Reitpferdes” (1976) die deutsche Dressur-Lehre über Generationen hinweg.

Die zeitgenössische Welt-Klassik der deutschen Dressur wird von Isabell Werth (Jahrgang 1969) dominiert. Werth gewann zwischen 1992 und 2024 zehn olympische Medaillen (sieben Gold, drei Silber) und steht damit an der Spitze der ewigen Dressur-Olympia-Liste. Ihr derzeit erfolgreichstes Pferd ist die Stute DSP Quantaz, mit der sie 2024 in Paris die Mannschafts-Goldmedaille gewann. Die zweite Welt-Klassik der deutschen Generation bilden Jessica von Bredow-Werndl (Olympia-Doppel-Gold 2020 in Tokio mit TSF Dalera), Dorothee Schneider (Olympia-Gold 2016 in Rio mit Showtime) und in der jüngeren Generation Frederic Wandres und Ingrid Klimke, die Tochter von Reiner Klimke, die auch in der Vielseitigkeit international erfolgreich war.

International stehen den deutschen Reiter:innen vor allem die dänische Schule (Cathrine Dufour, Carina Cassoe Krüth, Nanna Skodborg Merrald), die britische Schule (Charlotte Dujardin, Carl Hester, Lottie Fry) und die niederländische Schule (Dinja van Liere, Hans-Peter Minderhoud, Edward Gal) gegenüber. Schweden, die USA und in jüngerer Zeit auch Spanien haben in den letzten Olympiazyklen Anschluss an die Welt-Spitze gefunden.

Die Spanische Hofreitschule Wien als historische Welt-Klassik

Eine institutionelle Sonderstellung in der klassischen Dressur-Welt nimmt die Spanische Hofreitschule in Wien ein. Gegründet 1572 als Reit-Schule der habsburgischen Hof-Tradition, ist sie die älteste durchgehend betriebene Reit-Schule der Welt und seit 2010 als immaterielles Kultur-Erbe der UNESCO anerkannt. Die Spanische Hofreitschule pflegt mit den Lipizzaner-Hengsten die hohe Schule der Reit-Kunst in ihrer barocken Ausprägung — Piaffe, Passage, Pirouette und die „Schulen über der Erde” wie Levade, Croupade und Capriole. Während die Spanische Hofreitschule nicht am Turnier-Sport teilnimmt und ihre Klassik in eigenständigen Vorführungs-Formaten pflege, bleibe sie ein wichtiger Bezugspunkt der klassischen Reit-Lehre, auf den sich auch die FN-Richtlinien und die FEI-Standards berufen.

Fazit

Die Klassen-Struktur der deutschen Dressur — von E bis Grand Prix — bildet eine sportliche und pädagogische Aufstiegs-Welle, die die Reiterei seit Jahrzehnten prägt. Die LPO als Regel-Werk, die FN als Verband und die FEI als internationale Klassik bilden gemeinsam das institutionelle Gerüst, in dem sich die DACH-Dressur 2026 bewegt. Die Pyramide von der A-Volks-Klasse bis zur Welt-Spitze ist steil, die Anforderungen wachsen mit jeder Stufe — und doch sei die deutsche Dressur-Lehre mit ihrer Skala der Ausbildung weiterhin der Klassik-Bezugspunkt, an dem sich die internationale Reiterei orientiere.


Ressort: Reiterei