CHIO Aachen seit 1924: Wie das Soers-Stadion zum Mekka des DACH-Springsports wurde
Hundertzwei Jahre nach dem ersten „Concours Hippique International Officiel" ist Aachen die zentrale Klassik des europäischen Reitsports. Eine Spurensuche zwischen Soers-Stadion, Großem Preis und Nationenpreis.
Wenn in der ersten Juli-Hälfte die Tribünen am Aachener Soers-Stadion gefüllt werden, beginnt für viele Reiter:innen, Trainer:innen und Züchter:innen in der DACH-Region die wichtigste Woche des Jahres. Der CHIO Aachen, kurz für „Concours Hippique International Officiel”, versammelt seit 1924 die internationale Springsport-, Dressur-, Vielseitigkeits- und Voltigier-Elite in einer Größenordnung, die in Europa konkurrenzlos sei, wie der Veranstalter Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV) regelmäßig betont. 2026 erwartet der Verein nach eigener Auskunft erneut rund 350.000 Besucher:innen über die zehn Veranstaltungstage, eine Größe, die den CHIO in dieselbe Liga wie das Tennisturnier von Wimbledon und den Formel-1-Klassiker von Monaco rückt, was Tradition, Internationalität und gesellschaftliche Strahlkraft betrifft.
Vom Reitturnier zur Welt-Klassik
Die Geschichte beginnt am 28. Juni 1924 mit einem regional verankerten Reitturnier des Aachen-Laurensberger Rennvereins, der sich zwei Jahre zuvor neu gegründet hatte. Bereits in jenem ersten Jahr lautete der offizielle Titel „Concours Hippique International Officiel”, was den Anspruch markierte, ein international beschicktes Turnier mit offizieller Verbandsanerkennung auszurichten. In den späten 1920er und frühen 1930er Jahren wuchs die Beschickung beständig, bis der Zweite Weltkrieg den Sportbetrieb von 1939 bis 1948 vollständig unterbrach. Die erste Nachkriegsausgabe 1948 markierte einen Neuanfang, der schnell an die Vorkriegstradition anknüpfen konnte: Bereits 1953 wurde im Springsport der erste „Große Preis von Aachen” in der heute bekannten Form ausgetragen, eine Prüfung, die seither als inoffizielle Weltmeisterschaft des Springreitens gilt.
Parallel etablierte sich das Soers-Stadion in seiner heutigen Form als zentraler Austragungsort. Die Hauptarena fasst nach Angaben des ALRV rund 40.000 Sitzplätze, hinzu kommen die Deutsche-Bank-Stadion-Arena für die Dressur mit etwa 6.000 Plätzen und das Albert-Vahle-Stadion für die Voltigier-Prüfungen. Diese parallele Nutzung mehrerer Arenen ermöglicht die Klassik des CHIO als Mehrdisziplin-Turnier, das seinen Status als „CHIO” gerade durch die Vielzahl der gleichzeitig ausgetragenen FEI-Disziplinen begründet. Die Internationale Reiterliche Vereinigung FEI vergibt das Prädikat „Officiel” nämlich nur an Turniere, die mindestens den Nationenpreis im Springreiten austragen, und der CHIO Aachen kombiniert diesen mit Nationenpreisen in Dressur (CDIO), Vielseitigkeit (CCIO) und Voltigieren (CVIO), seit 2007 auch mit einem CSIO-Reining-Wettbewerb in der westernreitlichen Disziplin.
Der Große Preis als Welt-Welle
Der „Rolex Grand Prix” am Schluss-Sonntag ist die zentrale Klassik der Springreit-Woche. 2026 sei das Preisgeld nach Angaben des ALRV erstmals auf rund eine Million Euro angehoben worden, was den Großen Preis in der Größenordnung des CSIO-5*-Calgary und des Major im Spruce Meadows „Masters” verortet. Die Sieger:innen-Liste liest sich wie ein Who-is-Who des modernen Springreitens. Hans Günter Winkler, der 1956 in Stockholm bei den Olympischen Reiter-Spielen mit Halla die Goldmedaille im Einzel- und Mannschaftsspringen gewann, siegte zwischen 1959 und 1979 sieben Mal im Großen Preis von Aachen, ein bis heute unerreichter Rekord. Ludger Beerbaum, mehrfacher Olympiasieger und Weltmeister, hat den Großen Preis viermal gewonnen, zuletzt 2010 mit Gotha. Aus der jüngeren Generation der deutschen Reiterei haben Marcus Ehning und Daniel Deußer die Klassik mehrfach geprägt, ohne den Großen Preis allerdings so oft zu gewinnen wie ihre Vorgänger.
Der „Nationenpreis von Aachen” am Donnerstag der Turnierwoche ist die zweite tragende Säule des Springsports in Aachen. Sechs Equipen treten in einem zweirundigen Wettbewerb gegeneinander an, wobei die schlechteste Wertung des Teams gestrichen wird. Deutschland hat den Nationenpreis seit 1948 mehrfach gewonnen, hinzu kommen die häufigen Erfolge der niederländischen, belgischen, irischen und schweizerischen Equipen. Die Klassik des Nationenpreises liegt darin, dass er als „Heim-Nationenpreis” für die deutsche Equipe traditionell unter besonderem öffentlichen Druck stehe — Niederlagen vor heimischer Kulisse werden in den Fachmedien St. GEORG, PferdeSport International und Reiter Revue regelmäßig ausgiebig analysiert.
Dressur, Vielseitigkeit und die anderen Disziplinen
Während der Springsport öffentlichkeitsstark im Vordergrund stehe, gilt der CDIO Aachen unter Dressur-Reiter:innen als die wichtigste Veranstaltung des Jahres außerhalb der CDI-5*-Klassik in s’Hertogenbosch und der Olympischen Spiele. Der „Deutsche-Bank-Preis” im Dressur-Grand-Prix wird seit 1995 ausgetragen, hinzu kommen Grand-Prix-Spécial und Grand-Prix-Kür mit Musik. Isabell Werth, mit zehn olympischen Medaillen die erfolgreichste Reiterin der Olympia-Geschichte, hat in Aachen mehrfach gewonnen, ebenso wie ihre Konkurrentinnen Helen Langehanenberg, Jessica von Bredow-Werndl und Dorothee Schneider. Bei den Vielseitigkeits-Wettbewerben (CCIO 4*) wird seit 1995 die Aachener Mannschaftswertung als eine der wenigen Vier-Sterne-Vielseitigkeitsprüfungen weltweit auf dem höchsten Niveau ausgetragen, wenngleich die Klassik nicht ganz an Burghley, Badminton oder Kentucky heranreiche.
Das Voltigieren erhielt in Aachen 1986 erstmals einen CVIO-Status und ist seither fester Bestandteil des CHIO-Programms. Deutschland gilt im internationalen Voltigieren als führende Nation, was sich auch in der hohen Zahl deutscher Sieger:innen im Aachener Voltigier-Wettbewerb spiegelt. Die jüngste Disziplin ist das Reining-Turnier, das seit 2007 als CSIO-Reining-Wettbewerb ausgetragen wird und die westernreitliche Tradition in das ansonsten dem klassischen Reitsport gewidmete Programm einbringt.
Aachen im Vergleich zur internationalen Turnier-Klassik
Im Welt-Kalender der Springreit-Klassik konkurriert Aachen vor allem mit drei anderen großen CSIO-Turnieren. Spruce Meadows in Calgary, Alberta, wurde 1976 vom kanadischen Geschäftsmann Ron Southern gegründet und ist heute eines der bestdotierten Springturniere der Welt, mit einem Hauptpreis im „CP International” von ebenfalls etwa einer Million kanadischen Dollar. Das CSIO-5* in La Baule an der französischen Atlantikküste hat Tradition seit 1961 und gilt als wichtigstes französisches Outdoor-Turnier. Das CSIO Calgary im Spruce-Meadows-„Masters” wird häufig als das größte nordamerikanische Pendant zu Aachen bezeichnet, obwohl die Zuschauerzahlen niedriger seien als am Soers. Vergleichbar in Sachen Tradition ist der CSIO Rom in der Piazza di Siena, der seit 1922 ausgetragen wird und damit sogar zwei Jahre älter sei als der CHIO Aachen.
Was Aachen jedoch einzigartig mache, sei die Kombination aus Mehrdisziplinen-Programm, Zuschauergröße und Lage in der Mitte Europas. Während Spruce Meadows ein reines Spring-Festival ist und Burghley ein reines Vielseitigkeits-Event, vereint Aachen alle Reit-Disziplinen unter einem organisatorischen Dach. Diese Klassik des Multi-Disziplinen-Turniers wurde 2006 anlässlich der Weltreiterspiele (WEG) noch einmal ausgebaut, als Aachen die Spiele der Welt-Reiter-Föderation FEI ausrichtete. Damals waren erstmals alle acht olympischen und nicht-olympischen FEI-Disziplinen an einem Ort versammelt — Springen, Dressur, Vielseitigkeit, Voltigieren, Reining, Fahrsport, Distanzreiten und Para-Dressur — eine logistische Leistung, die der ALRV bis heute als Beleg für die Multi-Disziplinen-Tradition anführe.
Wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung
Die wirtschaftliche Bedeutung des CHIO für die Stadt Aachen und die Region wird in einer Studie der Industrie- und Handelskammer Aachen aus dem Jahr 2019 auf einen jährlichen Beitrag von rund 80 Millionen Euro zur regionalen Wertschöpfung beziffert. Hotels in Aachen, Maastricht und der niederländischen Grenzregion sind in der CHIO-Woche traditionell ausgebucht, ebenso wie die Gastronomie und der lokale Einzelhandel. Auch außerhalb der Stadt hat der CHIO eine sportökonomische Funktion: Die deutsche Pferde-Zuchtbranche nutze die Turnierwoche als „Schaufenster” für Hengste, Zucht-Stuten und vor allem die Junghengst-Auktion, die am Vorabend des Großen Preises stattfindet und in der traditionell die wertvollsten Spring- und Dressurpferde des Jahres versteigert werden.
Gesellschaftlich hat sich der CHIO in den letzten Jahren von einem rein sportlichen Event zu einer Plattform für Reitsport-politische Diskussionen entwickelt. Tierschutz-Themen wie die Frage der Reit-Methoden, der Trainingsmethoden und der Equiden-Wohlfahrt seien in den Pressekonferenzen, in Panel-Diskussionen und in den Medien zunehmend präsent. Der Aachen-Laurensberger Rennverein hat 2024 erstmals eine „Equine Welfare Advisory Group” eingesetzt, die Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Veranstaltungsformats unter Tierschutz-Gesichtspunkten gibt. Damit reagiere der Veranstalter auf die in der FN, im Deutschen Olympia-Komitee für Reiterei (DOKR) und in der FEI geführte Diskussion um eine zeitgemäße Form des Spitzensports mit Pferden — eine Diskussion, die in der Reiterei der zweiten Hälfte der 2020er Jahre die zentrale strategische Frage darstelle.
Ausblick auf den CHIO 2026
Die Ausgabe 2026 findet vom 26. Juni bis zum 5. Juli statt. Im Springsport haben sich neben den deutschen Reiter:innen Marcus Ehning, Daniel Deußer, Christian Kukuk und Philipp Weishaupt auch die niederländischen Olympia-Sieger:innen Maikel van der Vleuten und Harrie Smolders sowie die belgischen Top-Reiter Jérôme Guery und Pieter Devos angekündigt. In der Dressur werden Isabell Werth, Jessica von Bredow-Werndl, Dorothee Schneider und die dänische Olympiasiegerin Cathrine Dufour erwartet. Der „Rolex Grand Prix” am 5. Juli ist erneut die zentrale Klassik der Veranstaltung; die Tickets für die Hauptarena waren laut Angaben des ALRV bereits Anfang März ausverkauft, ein Vorzeichen, das auf eine stabile bis wachsende Zuschauer-Welle hindeute, allen Diskussionen um die Zukunft des Pferdesports in der breiten Öffentlichkeit zum Trotz.
Hundertzwei Jahre nach dem ersten Concours Hippique Officiel ist Aachen damit nicht nur die zentrale Klassik des deutschen Reitsports, sondern eine der zentralen Welt-Klassiken der Reiterei überhaupt — ein Status, den der ALRV in den kommenden Jahren mit der Balance aus sportlicher Spitze, wirtschaftlicher Tragfähigkeit und tierschutzpolitischer Glaubwürdigkeit verteidigen müsse.