Bd. I · Heft 03 · Mai 2026
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Pferd · Mai 2026

Hannoveraner, Holsteiner, Oldenburger: Die deutsche Sport-Pferde-Zucht und das WBFSH-Ranking 2026

Deutsche Pferde-Zuchtverbände dominieren seit Jahrzehnten die internationalen Springsport- und Dressur-Rankings. Eine Bestandsaufnahme zwischen Hengst-Körung, Embryo-Transfer und WBFSH-Weltrangliste.

Wenn die World Breeding Federation for Sport Horses (WBFSH) im Frühjahr ihre jährlichen Weltranglisten der Sport-Pferde-Zuchtverbände veröffentlicht, dann blicken Züchter:innen in Norddeutschland, in den Niederlanden und in Belgien gespannt nach Lausanne. Die Ranglisten gelten in der Pferde-Zucht-Welt als die Klassik schlechthin: Sie messen die sportlichen Erfolge der Nachzucht eines Verbandes über die Saisons in Dressur, Springsport und Vielseitigkeit. 2026 steht das niederländische KWPN erneut an der Spitze des Spring-Rankings, gefolgt vom belgischen BWP und dem Holsteiner Verband. Im Dressur-Ranking führt das KWPN ebenfalls, vor dem Hannoveraner Verband und dem Oldenburger Verband. Eine Bestandsaufnahme der deutschen Sport-Pferde-Zucht zwischen Tradition, internationaler Konkurrenz und technologischer Modernisierung.

1735 Celle: Wo die deutsche Sport-Pferde-Zucht begann

Die formale Geschichte der deutschen Sport-Pferde-Zucht beginnt 1735 in Celle. Der hannoversche Kurfürst und englische König Georg II. gründete in jenem Jahr das „Königlich-Hannoversche Landgestüt Celle”, das bis heute als ältestes deutsches Staatsgestüt besteht. Der Zweck der Gründung war zunächst nicht der spätere Sport-Einsatz, sondern die Versorgung der landwirtschaftlich genutzten Stuten der Region mit qualitätsvollen Hengsten, um eine bessere Klassik der Arbeits- und Kutsch-Pferde zu erreichen. Aus dieser landwirtschaftlich-militärischen Zucht-Tradition entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der „Verband hannoverscher Warmblutzüchter” (gegründet 1888), der als Träger des heutigen Hannoveraner-Zuchtbuchs gilt.

Parallel entwickelte sich in Schleswig-Holstein die Klassik der Holsteiner Zucht. Der „Verband der Züchter des Holsteiner Pferdes” wurde 1891 in Elmshorn gegründet und konsolidierte die bereits seit dem Mittelalter dokumentierte Marsch-Pferde-Zucht der Holsteiner Geest. Charakteristisch für den Holsteiner sei die starke Konzentration auf den Springsport, eine Schwerpunktsetzung, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur weltweiten Dominanz des Holsteiners in der Spring-Genetik führte. Der „Oldenburger Pferdezuchtverband” wurde 1923 gegründet, allerdings reicht die Zucht-Geschichte des Oldenburger Pferdes als „Carrossier-Pferd” deutlich weiter zurück, ins frühe 18. Jahrhundert. Westfalen wiederum gründete das „Westfälische Pferdestammbuch” 1904 mit dem Landgestüt Warendorf als zentralem Träger, der bis heute auch den Sitz der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und des Deutschen Olympia-Komitees für Reiterei (DOKR) beherbergt.

Eine Sonderstellung nimmt der Trakehner Verband ein. Das ostpreußische „Hauptgestüt Trakehnen” wurde 1732 vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. gegründet und entwickelte sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu einer der renommiertesten Pferde-Zuchten Europas. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1944/45 endete die Trakehner-Zucht in Ostpreußen abrupt: Im sogenannten „Trakehner Treck” flüchteten Züchter:innen mit einem Bruchteil der Stuten und Hengste über die zugefrorene Ostsee nach Westen. Aus diesem Rest gründete sich 1947 in Verden an der Aller der „Trakehner Verband”, der bis heute als reinrassiger Zuchtverband ohne Einkreuzung anderer Warmblut-Rassen besteht und in der DACH-Region eine Sonderstellung einnimmt.

WBFSH: Die Welt-Rangliste seit 1994

Die World Breeding Federation for Sport Horses wurde 1994 in Lausanne gegründet, um die internationale Sport-Pferde-Zucht zu koordinieren und vergleichbar zu machen. Aktuell gehören der WBFSH rund 70 nationale Sport-Pferde-Zuchtverbände an. Die jährlichen Ranglisten beruhen auf den FEI-Welt-Ranglisten der Reiter:innen und ordnen die Erfolge den jeweiligen Zucht-Verbänden zu, in deren Zucht-Büchern die eingesetzten Pferde eingetragen sind. Diese Zuordnung sei in der Praxis nicht trivial, weil ein Pferd, das beispielsweise von einem Holsteiner Vater und einer Hannoveraner Mutter abstamme und in einem belgischen Sport-Stall ausgebildet werde, zucht-buchlich dem Verband zugeordnet werde, in dem es ursprünglich eingetragen worden sei.

Im Spring-Ranking 2026 führt das niederländische KWPN (Koninklijk Warmbloed Paardenstamboek Nederland) mit deutlichem Vorsprung. Das KWPN wurde 1958 gegründet und vereinte die zuvor getrennten Zucht-Bücher der niederländischen Warmblut-Pferde, der niederländischen Vollblut-Pferde und der Friesen-Zucht unter einem organisatorischen Dach. Die WBFSH-Statistik weist für das KWPN aktuell etwa 50.000 eingetragene Stuten und eine jährliche Geburtenzahl von rund 9.000 Fohlen aus. Auf Platz zwei des Spring-Rankings folgt der belgische Zucht-Verband BWP (Belgisch Warmbloed Paard), gegründet 1955 und besonders stark in der Sport-Pferde-Vermarktung. Auf Platz drei steht der Holsteiner Verband, dessen Spring-Stärke trotz schrumpfender Stuten-Population in der norddeutschen Region weiterhin überdurchschnittlich ausgeprägt sei.

Im Dressur-Ranking 2026 führt das KWPN ebenfalls, gefolgt vom Hannoveraner Verband und dem Oldenburger Verband. Die deutsche Dressur-Genetik habe sich in den letzten 20 Jahren zunehmend in Richtung der Hannoveraner und Oldenburger Linien konzentriert, während der Holsteiner Verband seine Stärke fast vollständig im Spring-Sport bündele. Im Vielseitigkeits-Ranking dominieren die irischen Sport-Pferde der ISH (Irish Sport Horse Studbook), eine Tradition, die mit der irischen Geschichte der Jagd-Reiterei und der Hindernis-Pferde verbunden sei.

Stuten, Hengste, Geburten: Die zahlenmäßige Klassik

Deutschland gilt mit etwa 80.000 jährlichen Sport-Pferde-Geburten weltweit als die zweitgrößte Sport-Pferde-Zuchtnation nach den Niederlanden und vor Belgien. Die Hauptverbände im FN-Bereich verzeichnen folgende Zahlen: Hannoveraner Verband etwa 5.000 jährliche Stuten-Eintragungen, Holsteiner Verband etwa 2.500, Oldenburger Verband etwa 4.500, Westfälisches Pferdestammbuch etwa 3.000, Trakehner Verband etwa 800. Hinzu kommen die Stuten der „Süddeutschen Warmblut-Zucht” (Bayern, Baden-Württemberg), des Mecklenburger Verbands und der Rheinland-Pfalz-Saar-Zucht. Die Gesamtzahl der deutschen Warmblut-Stuten lag 2024 nach Angaben der FN bei rund 60.000, mit fallender Tendenz seit den frühen 2010er Jahren.

Die deutsche Hengst-Welt ist demgegenüber numerisch klein. In den deckenden Beständen der großen Hengst-Stationen — Helgstrand Dressage (Dänemark mit deutscher Niederlassung), Paul Schockemöhle Pferdezucht (Mühlen, Niedersachsen), Gestüt Sprehe, Gestüt Lewitz (Mecklenburg) und die Landgestüte Celle, Marbach und Warendorf — stehen pro Saison etwa 200 bis 300 Hengste, die international vermarktet werden. Die Hengst-Körung ist die zentrale Klassik der Zucht-Jahres: Beim Hannoveraner Verband findet sie traditionell im Oktober in Verden statt, beim Oldenburger Verband im November in Vechta, beim Holsteiner Verband im Februar in Neumünster. Bei den Körungen werden die jungen Hengste in der freien Springeinheit, im Drei-Eck-Schritt-Trab-Galopp und in der tierärztlichen Untersuchung bewertet; nur ein Bruchteil der vorgestellten Hengste erhält die Körung und damit die Berechtigung, Stuten der Verbands-Population zu decken.

Embryo-Transfer und ICSI: Die zucht-genetische Welle

Eine zentrale Klassik der zeitgenössischen Sport-Pferde-Zucht ist die Verbreitung der reproduktionsmedizinischen Techniken. Der Embryo-Transfer, bei dem eine Spender-Stute mit einem Hengst befruchtet wird und der Embryo nach sieben bis acht Tagen in eine Empfänger-Stute übertragen wird, ist seit den späten 1990er Jahren in der DACH-Region etabliert. Der Vorteil liegt darin, dass Sport-Stuten, die im Turnier-Einsatz sind, parallel zur sportlichen Karriere mehrere Fohlen pro Jahr produzieren können, ohne die Trainings- und Turnier-Phasen zu unterbrechen. Schätzungen der FN gehen davon aus, dass 2025 etwa 8 bis 10 Prozent der deutschen Sport-Pferde-Geburten aus Embryo-Transfer stammten.

Die jüngste Technik ist die intrazytoplasmatische Sperma-Injektion (ICSI), bei der Eizellen aus den Eierstöcken einer Stute entnommen, im Labor mit einer einzelnen Samenzelle befruchtet und der entstandene Embryo nach mehreren Tagen Kultur in eine Empfänger-Stute übertragen wird. ICSI ist besonders wertvoll, wenn die Spender-Stute nicht mehr fruchtbar ist — sei es aus Alters-Gründen, aus medizinischen Gründen oder weil sie verstorben sei und vor dem Tod Eizellen entnommen wurden. Die Reproduktionsmedizin der Veterinär-Universität Wien und der Universität Utrecht zählt zu den führenden europäischen Zentren für ICSI bei Pferden. In den USA habe die ICSI-Welle bereits Marktanteile von mehr als 20 Prozent der Sport-Pferde-Geburten erreicht; in der DACH-Region sei die Verbreitung noch deutlich geringer, wachse aber jährlich.

Damit verbunden ist eine Klassen-Diskussion um die zucht-genetische Auswirkung. Befürworter:innen argumentieren, dass die Reproduktions-Techniken die genetische Vielfalt erhöhen, weil Stuten genutzt werden können, die ohne diese Techniken keine Nachkommen hinterlassen hätten. Kritiker:innen wenden ein, dass durch den Embryo-Transfer und durch die ICSI gerade die Sport-erfolgreichsten Stuten überproportional viele Nachkommen produzieren, was die Genpool-Konzentration in den Spitzen-Linien noch verstärke und damit die genetische Vielfalt langfristig reduziere.

Wirtschaftliche Klassik und Marktentwicklung

Der deutsche Sport-Pferde-Markt habe nach Angaben des Deutschen Bauernverbands (DBV) und der FN 2025 ein Umsatzvolumen von etwa 1,2 Milliarden Euro erreicht, davon etwa 400 Millionen aus dem Verkauf von Fohlen, Reit-Pferden und Sport-Pferden, der Rest aus Pension, Ausbildung, Tierarzt-Dienstleistungen und Equipment. Die Auktions-Klassik der Hannoveraner Elite-Auktion in Verden, der Holsteiner Verbands-Auktion in Elmshorn und der Oldenburger Elite-Auktion in Vechta erzielt regelmäßig Spitzenpreise im sechs- und teilweise siebenstelligen Bereich. Die teuerste je auf einer deutschen Sport-Pferde-Auktion versteigerte Stute oder Hengst-Anwärter erzielte 2023 einen Preis von 2,8 Millionen Euro.

Gleichzeitig wachsen die Marktanteile außereuropäischer Käufer:innen, insbesondere aus den USA, aus Saudi-Arabien, aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und aus China. Der Anteil der außerhalb der EU verkauften deutschen Sport-Pferde sei 2024 nach Schätzungen der FN auf etwa 25 Prozent gestiegen, mit weiter wachsender Tendenz. Dies wirke sich auf die Preise positiv aus, gleichzeitig führe der Export-Druck zu einer zunehmenden Konzentration auf vermarktbare Linien — eine Entwicklung, die in der Reit-Fachpresse Cavallo, St. GEORG und PferdeSport International regelmäßig kritisch kommentiert werde.

Ausblick

Die deutsche Sport-Pferde-Zucht steht 2026 vor der Aufgabe, ihre internationale Spitzen-Position gegen die Konkurrenz der niederländischen, belgischen und französischen Verbände zu behaupten. Die Kombination aus traditioneller Zucht-Klassik, technologischer Modernisierung durch Embryo-Transfer und ICSI sowie aktiver Auktions-Vermarktung bilde die wirtschaftliche Grundlage. Gleichzeitig stehe die Branche vor den größeren Fragen der Tierschutz-Diskussion, der Veränderung der Freizeit-Reiterei-Welt und der demografischen Verschiebung in den ländlichen Reit-Regionen — Fragen, die in den Hengst-Körungen der kommenden Saison in Verden, Vechta und Neumünster sicher mit derselben Intensität diskutiert werden wie die sportlich-genetische Bewertung der vorgestellten Junghengste.


Ressort: Pferd